Tag der Deutschen Einheit 2017

Tag der Deutschen Einheit 2017 Bild vergrößern Tag der Deutschen Einheit 2017 (© Deutsche Botschaft Warschau)

Botschafter Nikel sprach zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017 in Warschau.

-Es gilt das gesprochene Wort-

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Szanowni Państwo,
Mesdames et Messieurs,
Ladies and Gentlemen,

Herzlich willkommen zum Tag der Deutschen Einheit 2017!

Witam serdecznie w Ambasadzie Niemiec z okazji Dni Jedności Niemiec!

Soyez les bienvenus pour notre fête nationale!

A warm Welcome to our National Day!

 

Heute vor 27 Jahren haben wir Deutschen in freier Selbstbestimmung und in Übereinstimmung mit unseren Nachbarn die staatliche Einheit wiedererlangt. Dieser Moment war, ist und bleibt eine Sternstunde der deutschen und der europäischen Geschichte. Wir sind allen, die daran mitgewirkt haben, sehr dankbar.

Die deutsche Einheit war in erster Linie das Resultat des unbändigen Freiheitstrebens der Menschen. Hieran hatten auch die Menschen in Polen großen Anteil. Der lange Freiheitskampf der Solidarność inspirierte und spornte die Bürgerbewegung in der damaligen DDR an. Die Grenzöffnung durch die Regierung Mazowiecki erwies sich dann als letzter Sargnagel für das marode SED-Regime. Für beides sind wir sehr dankbar.

Der Fall der Mauer und das unblutige Ende des Kalten Kriegs in Mitteleuropa waren keineswegs vorprogrammiert. Viel hätte schiefgehen können. Dass dem nicht so war, verdanken wir weitsichtigen Politikern, wie dem kürzlich verstorbenen Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, dem US-Präsidenten George H.W. Bush, dem französischen Präsidenten François Mitterrand, dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow und Anderen.

Sie schufen damals auf den Trümmern des Kommunismus eine neue europäische Sicherheitsordnung. Auch wenn diese Ordnung im Laufe der Zeit Risse bekam, so garantiert sie doch die Grenzen in Zentraleuropa und die politischen Rahmenbedingungen eines phantastischen wirtschaftlichen Aufschwungs. Alle Staaten der Region haben davon profitiert. Wir dürfen es nicht zulassen, dass dieser Rahmen in Frage gestellt wird.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute, 27 Jahre nach der deutschen Einheit, können wir mit Selbstvertrauen feststellen, dass auf den Trümmern zweier Diktaturen in Deutschland eine stabile, weltoffene Demokratie entstanden ist, die auch international für Humanität eintritt.

Und ich kann Ihnen versichern: Deutschland bleibt auch nach den Bundestagswahlen vom 24. September ein stabiler Partner.

Die deutsch-polnischen Beziehungen stehen auf einer festen und gesunden Grundlage. Und ich rufe all denjenigen, die das in Zweifel ziehen, mit großer Überzeugung zu: Die Fundamente der deutsch-polnischen Beziehungen sind gut, sehr gut. Das, was uns eint, ist viel größer als das, was uns trennt.

Diese festen Fundamente sind die enge Zusammenarbeit der Menschen beiderseits der Oder und die beiderseits vorteilhafte wirtschaftliche Kooperation.

Unsere Beziehungen haben seit der Wende 1989 einen kaum für möglich gehaltenen Aufschwung genommen. Angesichts der fürchterlichen Verbrechen, die Deutsche im deutschen Namen während des 2. Weltkriegs an Polen verübt haben, grenzt das an ein Wunder.

Wir danken herzlich all denjenigen, die daran mitgewirkt haben: den polnischen Bischöfen, die uns sehr früh die Hand gereicht haben und immer wieder daran erinnern, dass christliche Versöhnung keine Frage der politischen Konjunktur ist

-       den Kämpfern des Warschauer Aufstands, denen ich vor einiger Zeit das Bundesverdienstkreuz ausgehändigt habe und die sich heute für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen einsetzen. Ich grüße die heute anwesenden damaligen Kämpfer ganz besonders.

 

-       den jungen Menschen, die in den ehemaligen deutschen Konzentrationslagern in Polen die Erinnerung an das, was Polen angetan wurde, aufrechterhalten. So wie die Auszubildenden, die sich am Programm „Respekt“ in Ausschwitz beteiligen. Sie stellen Ihnen außerdem heute im Bartoszewski-Saal nebenan beispielhaft die duale Berufsausbildung vor.

Mein Dank geht auch

-       an die über 2,5 Mio. jungen Polen und Deutschen, die als Teilnehmer von Austauschprogrammen des deutsch-polnischen Jugendwerks zu Botschaftern guter Nachbarschaft geworden sind.

 

-       an die unzähligen Städtepartnerschaften, Wissenschaftler und Hochschulen, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen, Künstler, Musiker und Journalisten, die sich der Kooperation mit dem Nachbarland verschrieben haben.

 

-       an die deutsche Minderheit in Polen und die polnisch stämmigen Bürger in Deutschland, die eine Brücke zwischen unseren Nationen darstellen.

Ganz besonders möchte ich heute Abend in Anwesenheit von Herrn Minister Kwieciński danken

-       den vielen Unternehmen in Deutschland und Polen, die den Handelsaustausch im letzten Jahr auf atemberaubende 103 Mrd. Euro geschraubt haben und

 

-       den deutschen Investoren, die mehr als 300 000 Arbeitsplätze in Polen geschaffen haben, die sich für die Berufsausbildung junger Menschen engagieren und die in beträchtlichem Maße zum Technologietransfer beitragen.

 

-       Und natürlich geht mein Dank auch an all die Politiker und Politikerinnen, die die Beziehungen über die Jahre voran gebracht haben.

Ohne Sie alle und viele andere wäre die deutsch-polnische Aussöhnung nicht möglich gewesen.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die deutsch-polnische Aussöhnung ist ein Schatz, um den uns viele beneiden. Wir wollen diesen Schatz hegen und pflegen. Aber wir werden diesen Schatz nur dann bewahren können, wenn wir uns gemeinsam den aktuellen Herausforderungen stellen.

Wir sind daher bereit, weiter in unsere gemeinsame Zukunft zu investieren, wie Bundespräsident Steinmeier bei seinem Antrittsbesuch in Warschau zum Ausdruck gebracht hat. Auch die zu bildende neue deutsche Bundesregierung, dessen bin ich gewiss, wird auf dieser Linie fortfahren.

Das gilt zunächst für unsere Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich. Die polnische Sicherheit ist auch unsere Sicherheit. Wir beteiligen uns daher massiv an der Stärkung der östlichen NATO-Flanke, wie auf den Gipfeln in Wales und Warschau beschlossen.

Das gilt auch für die EU. Sie ist der primäre Handlungsrahmen für unsere Politik. Ohne eine enge deutsch-polnische Kooperation wird es keine gute europäische Zukunft geben!

EU und NATO haben über 70 Jahre den Frieden auf unserem Kontinent garantiert und die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung ohnegleichen geschaffen. Die Jugend von heute innerhalb Europas hat nahezu unbeschränkte Reise- und Studienmöglichkeiten. Dieses großartige Friedens- und Wohlstandsprojekt muss weiter entwickelt werden. Die EU-Wertegemeinschaft muss erhalten bleiben.

Heute steht Europa unter Druck. Östlich unserer Grenzen sind Territorialkonflikte wieder aufgeflammt. Kriege und Instabilität lösen Flüchtlingsbewegungen aus. Der Klimawandel bedroht die Lebensgrundlagen unseres Planeten. Wir alle sind von der Geißel des Terrorismus bedroht.

Globalisierung und Digitalisierung werden von Vielen nicht mehr als Treiber des Wohlstands, sondern als diffuse Bedrohung begriffen. Populisten nutzen diese Ängste. Sie versprechen das Blaue vom Himmel und haben am Ende dann keine tragfähigen Lösungen für die Probleme anzubieten.

Wir können die entstandenen Probleme nur gemeinsam lösen. Alle müssen Verantwortung für das Ganze übernehmen.

Die EU repräsentiert heute weniger als 7% der Weltbevölkerung. Wir müssen Europa fit machen für den Wettbewerb im 21. Jahrhundert. Wenn wir auf den globalen Märkten erfolgreich sein wollen, müssen wir unsere Ressourcen poolen. Engstirniger Nationalismus hilft da nicht weiter.

Polens Stimme in Europa ist wichtig, gerade auch für die anstehende Debatte um die Zukunft Europas. Präsident Macron hat hierzu wichtige Vorschläge unterbereitet, an denen wir gemeinsam arbeiten müssen. Wir wollen ein inklusives Europa, ein Europa, bei dem Polen bei möglichst vielen Projekten im Kern dabei ist. Das setzt aber voraus, dass auch Polen seinerseits willens ist, mit dabei zu sein.

Die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise und der Brexit haben die Europäische Union erschüttert. Lassen Sie uns gemeinsam nach Antworten suchen; uns auf das konzentrieren, was uns verbindet. Lassen Sie uns aus Interessenunterschieden Kompromisse schmieden und sie nicht zu unüberwindbaren ideologischen Hürden hochstilisieren.

Deutschland und Polen können gemeinsam viel erreichen. Unsere Unternehmen arbeiten bei der Innovation eng miteinander zusammen. Polen war Partnerland auf der diesjährigen Hannover Messe. Dabei hat es seine beeindruckende Technologiefähigkeit unter Beweis gestellt.

Gemeinsam können wir die Industrie der Zukunft gestalten. Das zeigt unsere Wissenschaftskooperation, das zeigen die Wirtschaftsdaten und die modernsten Produktionsanlagen deutscher Firmen in Polen. „High-end“ und Industrie 4.0 sind die Schlagwörter. Beispiele können Sie im Saal nebenan bestaunen.

Neue Lösungsansätze für alte Probleme sind heute greifbar. Unsere Enkel wachsen mit dem Smartphone in der Hand auf. Bildung und Informationen können heute niemandem mehr vorenthalten werden.

Die erneuerbaren Energien werden zunehmend eine wichtige Rolle im Energiemix unserer Volkswirtschaften spielen. Die Elektromobilität und autonomes Fahren werden die Zukunft des Verkehrs fundamental verändern. Die deutsche Botschaft hat sich diesem Trend schon angepasst. Als erste Botschaft in Warschau verfügen wir über ein Elektroauto. Ein Beispiel für Elektromobilität steht vor dem Eingang zur Botschaft.

In all diesen Bereichen sehe ich großes Entwicklungspotential für die deutsch-polnische Kooperation. Wir haben die besten Ausgangsbedingungen, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Voraussetzung dafür ist, dass wir als Nachbarn in der Union zusammenhalten. Daher bitte ich Sie: Lassen Sie uns die wirklichen Probleme der Gegenwart beherzt angehen.

Es lebe Deutschland. Es lebe Polen. Es lebe die gute deutsch-polnische Zusammenarbeit. Zum Wohle Europas!

Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

3. Oktober 2017, Warschau